EINFÜHRUNG
in das Buch "Vergessene Künste - Bilder vom alten Handwerk" von John Seymour
Fast jeder Gegenstand, den wir heute benutzen, kann aus Kunststoff hergestellt werden. Die Produktion wird in großen Fabriken von Maschinenaufsehern überwacht, deren wichtigste Fähigkeit ist, ein Leben intensivster Langeweile zu bewältigen.
Solcherart angefertigte Gegenstände erfüllen ihren Zweck perfekt. Sie sind häßlich. Denn die Schönheit eines Produktes beruht auf der Kombination von natürlichen Materialstrukturen mit dem einzigartigen Können und der liebevollen Bearbeitung durch einen Handwerker.
Wenn alles, was wir benutzen, häßlich und langweilig herzustellen ist, was ist dann überhaupt der Sinn des Lebens? Gab es wirklich einmal so etwas wie "Lebensqualität"? Könnte es so etwas wieder geben?
Oder sind wir Menschen dazu verdammt, den Rest unseres Schicksals mit der Ausübung langweiliger Berufe, umgeben von Mittelmäßigkeit und Häßlichkeit, zu verbringen?
Es wird oft gesagt, daß wir es der Massenproduktion zu verdanken haben, wenn so viele Menschen auf unserem überbevölkerten Planeten all die Dinge besitzen können, die sie besitzen. Dieses Argument wirft zwei Fragen auf. Erstens: Brauchen wir wirklich so viele Dinge, wie wir denken? Ich betrachte oft mit Erstaunen die Warenstapel in unseren Konsumtempeln, den Kaufhäusern. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das Besitzen von neunzig Prozent dieser Artikel einen Menschen glücklicher machen oder ihn dem näherbringen kann, was man als "sinnvolles Leben" bezeichnet. Neunzig Prozent davon werden bald auf der Müllkippe landen und damit in erster Linie beweisen, daß ihre Herstellung überflüssig war. Die zweite Frage ist, ob wir wirklich diese in Massenproduktion hergestellten Kunststoffartikel kaufen müssen, während ein zunehmender Teil der Bevölkerung in den "entwickelten" Ländern arbeitslos ist? Die einzig mögliche Rechtfertigung für die Herstellung billiger Kunststoffprodukte ist die, daß es nicht genug qualifizierte Fachleute zur Herstellung echter Qualitätsware gibt. Aber es gibt genügend Arbeitskräfte, und es gäbe auch genug Handwerker und Fachleute, wenn die jungen Leute in guten, nützlichen und interessanten Berufen ausgebildet würden.
Haben wir eigentlich die Berechtigung, Gegenstände zu benutzen, auch wenn sie noch so praktisch sein mögen, von denen wir wissen, daß sie von anderen Menschen unter langweiligen, abstumpfenden Arbeitsbedingungen produziert wurden? In dem Versuch, meine Schuldgefühle in diesem Punkt etwas abzubauen, begann ich nachzuforschen und mich umzusehen, was dann zum Schreiben dieses Buches führte. Ich dachte, daß es möglich sein müsse, die Dinge zu produzieren, die wir wirklich benötigen, ohne daß Mitmenschen unter unwürdigen Bedingungen leben und arbeiten müssen.
Nun, Gott sei Dank stellte ich fest, daß die Künste der alten Handwerker durchaus noch nicht ganz in Vergessenheit geraten sind. Es gibt kein Handwerk, das nicht noch irgendwo auf diesem Planeten praktiziert wird. Und, was noch bedeutender ist, fast überall in den Industrienationen beginnen die alten Künste und Handwerke wieder aufzuleben. Immer mehr Menschen verlangen nach handgearbeiteter Qualitätsware.
Das Chatti oder das Debbie
Sagte ich, daß in Massenproduktion hergestellte Artikel ihren Zweck perfekt erfüllen? Wenn ich das tat, widersprach ich dem großen bengalischen Poeten und Mystiker Rabindrinath Tagore, der beim Vergleich eines Debbie, das ist ein etwa 20 Liter fassender Benzinkanister, mit einem Chatti, einem vom Dorftöpfer geschaffenen irdenen Krug, den Debbie rundweg als "schäbig" bezeichnete. Er schrieb, daß sich das Debbie genausogut als Wasserbehälter eigne wie das Chatti, aber das Debbie sehe dabei häßlich aus. Im Chatti kann man nicht nur genausogut Wasser tragen wie im Debbie - es erfreut gleichzeitig auch das Auge des Betrachters und das des Wasserträgers. Er hätte hinzufügen können, daß selbst eine hübsche Frau mit einem Debbie auf dem Kopf häßlich aussieht, während auch eine weniger schöne Frau mit einem Chatti auf dem Kopf graziös und schön wirkt. Außerdem hätte er noch hinzufügen können, daß der Gebrauch des Chatti dazu beiträgt, einem Freund und Nachbarn im Dorf eine Lebensgrundlage zu geben, während das Debbie vorwiegend zur Verschmutzung und Entwürdigung unseres Planeten beiträgt.
Natürliche Materialien fordern Disziplin
Die Freude, die uns die Benutzung von Gegenständen aus Naturmaterialien macht, ist weit größer als die Freude an der Ausübung der Tätigkeit als solcher. Die Form und die Struktur, zusammen mit dem Wissen über ihre Herkunft - sie sind Teil eines Baumes, einer Ernte, einer Ochsenhaut, eines Steines -, vervielfachen das Vergnügen beim Anschauen und Benutzen solcher Gegenstände. Holz, Eisen und Stahl (einschließlich des vielseitigen rostfreien Stahls), Edelmetalle und andere Metalle, Halbedelsteine und Edelsteine, Steine, Leder, Ton, Naturfasern wie Wolle, Hanf, Flachs, Baumwolle, Seide, Jute und Manilahanf: Aus diesen Materialien können die geschickten Hände eines Menschen alle Gegenstände herstellen, die wir brauchen. Wenn irgend etwas nicht aus diesen natürlichen Materialien hergestellt werden kann, will ich es ganz einfach auch nicht haben.
Der besondere Charakter von Naturmaterialien erfordert vom Handwerker eine Disziplin, die ihn zwingt, etwas herzustellen, das sowohl zweckmäßig als auch schön ist. Es sind die Fasern des Holzes mit ihrer Eigenschaft, an manchen Flächen leichter zu splittern als an anderen, die den Schreiner, den Wagner, den Böttcher, den Drechsler oder den Bootsbauer zwingt, das Holz auf bestimmte Art zu formen, die positiven Eigenschaften des Holzes auszunutzen und die negativen auszugleichen. Das alles bedingt die Schönheit hölzerner Gegenstände. Außerdem zwingt es den Holzbearbeiter zur Auseinandersetzung mit den Geheimnissen seines Arbeitsmaterials und seiner Handwerkskunst. Dies macht den Handwerker zum Künstler.
Es waren die begrenzten Eigenschaften des Steins als Baumaterial, die die Architekten über die Jahrhunderte hinweg zwangen, so wunderschöne Strukturen wie Bogen und Gewölbe, Säule, Arkaden und Strebebogen zu konstruieren. Stahlverstärkter Beton dagegen kann zu jeder beliebigen Form verarbeitet werden, weshalb daraus nur selten etwas wirklich Schönes gebaut wird, Aber was ist mit dem Empire State Building, sagen Sie jetzt vielleicht. ja, aber vergleichen Sie es einmal mit der Decke der Fächergewölbe der Sherbone Abbey in Dorset! Eine Fotografie davon hängt an der Seite meines Aktenschrankes, und jedesmal, wenn ich sie betrachte, erfüllt sie mich von neuem mit Ehrfurcht. Vielleicht hängt das auch mit der Tatsache zusammen, daß das eine Gebäude zum Lob des Mammons, das andere jedoch zum Lob Gottes erbaut wurde.
Wirkliche Kosten
Handgefertigte Gegenstände kosten auf den ersten Blick oft mehr als entsprechende Massenware, aber tun sie das wirklich? Es ist doch sicher ökonomischer, einem Freund und Nachbarn - dem örtlichen Handwerker - Geld für die Anfertigung eines schönen Gegenstandes zu geben, als für etwas weniger Geld irgendwelche billige Massenware zu kaufen, die weit weg von irgendwelchen unbekannten Leuten hergestellt wurde. Das Geld, das man an seinen Nachbarn bezahlt, kommt vielleicht zu einem selbst zurück. Durch die Unterstützung der Lebensgrundlage meines Nachbarn bereichere ich meine eigene Umgebung. Außerdem erhöhe ich dadurch die Summe an wirklicher Freude in der Welt, denn mein Handwerker stellt sicher mit Freude einen Gegenstand für mich her, und ich erfreue mich an dem Besitz und der Benutzung dieses Gegenstandes. Der Fabrikarbeiter dagegen hat vielleicht Freude an seinem Lohn, selten aber an seiner Arbeit.
Nun werden aber Leute, die nach handgefertigten Gegenständen suchen und solche kaufen, oft als elitär bezeichnet. Natürlich sind wir elitär - dieser Vorwurf ist völlig gerechtfertigt. Das Schöne an diesem elitären Denken ist, daß jeder elitär sein kann, wenn er will! Kommen Sie ruhig zu uns! In dieser Elite ist nämlich viel Platz, genug Platz für alle. Niemand muß sich mit billiger Massenware abfinden. Vor zweihundert Jahren gab es das alles noch gar nicht, und trotzdem ging es den Menschen gut, sie lebten bis zu ihrem Tod, genau wie wir heute. Ich höre Sie sagen, daß es Leute gibt, die sich nicht leisten können, in dieser Elite zu leben. Oh doch, sie können es - sie müssen nur lernen, daß viele der Dinge, von denen sie glauben, daß sie sie brauchen, unnötig sind. Heutzutage wird das Wort Elite so benutzt, als müsse man sich schämen, einer Elite anzugehören Ich würde mich schämen, wenn ich nicht zu genau dieser Elite gehören würde.
Und so befreie ich mein Haus langsam, aber sicher, so gut ich kann, von billiger Massenware und lerne entweder, ohne bestimmte Gegenstände auszukommen, oder sie durch handgefertigte Dinge zu ersetzen, die von Handwerkern mit Freude und in einer Schönheit und Zweckmäßigkeit hergestellt wurden, die auf langer Übung und sorgfältiger Arbeit beruht. Dadurch kam ich in Kontakt mit vielen Handwerkern in Irland, wo ich wohne, in Wales, wo ich früher lebte, in meinem Geburtsland England, in Frankreich, Deutschland, Österreich, Italien und Griechenland, ja sogar im Mittleren Osten und in Afrika. Einige dieser Leute waren arm - manche mußten ums Überleben kämpfen -, aber gleichgültig, ob arm oder nicht, eines hatten sie alle gemeinsam: sie liebten ihre Arbeit. Sie waren stolz darauf, und wenn sie mein Interesse bemerkten, zeigten sie mir begeistert, was sie taten und wie sie etwas machten.
Der Lohn
Ältere Handwerker haben noch heute jene Einstellung zum Arbeitslohn, die einst überall üblich war, heute jedoch nur noch selten zu finden ist. Diese Einstellung ist, daß gute Arbeit angemessen bezahlt werden sollte. Heute ist die Einstellung "Ich werde fordern, was der Markt zu bezahlen bereit ist weit verbreitet. Ich werde niemals vergessen, wie ich den großartigen Bootsbauer Mr. Harry King aus Pin Mill in Suffolk überredete, mir ein Fischerboot zu bauen. Es war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als man für solche Aufgaben kaum einen Handwerker fand. Er weigerte sich lange, gab aber dann schließlich doch nach.
"Wieviel werden Sie dafür verlangen?" fragte ich. Später lernte ich, daß man solche Leute nicht nach dem Preis fragt, zumindest nicht in Suffolk.
"Drei Pfund je Fuß Schiffslänge", brummte er. "Aber Mr. King, jeder andere Handwerker, den ich fragte, hat vier Pfund je Fuß verlangt! Sie müssen sich irren!"
"Mein Preis ist drei Pfund pro Fuß. Wenn Ihnen das nicht paßt, können Sie ja zu jemand anderem gehen!" antwortete er. "Ich muß Ihnen nicht unbedingt ein Boot bauen!"
Der wahre Handwerker braucht nicht mehr als genug. In unserer heutigen Zeit will jeder mehr als genug. Wir fragen nicht mehr "Was ist unser Produkt wert?" oder "Wieviel brauche ich?", sondern "Wieviel kann ich bekommen?" Ich kenne viele junge Leute, die sich in einem Handwerk versucht haben und es wieder aufgaben, obwohl sie genug verdienten, weil sie nicht mehr als genug verdienen konnten. Ein Planet, auf dem jeder versucht, mehr als genug zu bekommen, geht schlechten Zeiten entgegen. Und ich bin sicher, daß uns der Besitz von mehr als genug im Endeffekt nicht glücklicher macht. Man kann auch eindeutig zuviel von einer guten Sache besitzen. Damit ein Mensch wirklich glücklich ist, muß er eine Arbeit verrichten, die er gern tut, gerecht dafür bezahlt werden und Anerkennung für sein Werk finden.
Es ist aber nicht leicht, ein wirklich guter Handwerker zu werden. Viele junge Leute versuchen es und erleiden Fehlschläge. Das altmodische Prinzip der Lehrzeit ist sicherlich das beste System für junge Leute und auch für die Handwerkermeister. Der junge Mensch wurde früher dabei ziemlich harter Disziplin ausgesetzt, manchmal vielleicht zu harter, aber dadurch erlernte er nicht nur sein Handwerk, sondern wußte auch, was harte Arbeit ist. Das ermöglichte es ihm, später sein Leben und seine Wohlhabenheit zu genießen. Denn ein guter Handwerker ist ein glücklicher Mensch. Er hat Freude an seinem Können und seiner Arbeit, trinkt seinen Wein oder sein Bier mit Genuß, freut sich auf das Essen und schläft tief und zufrieden! Langeweile ist ihm unbekannt. Wenn er auf sein Leben zurückblickt, bereut er seine harte Lehrzeit sicherlich nicht, da sie es ihm ermöglichte, das zu sein, was er ist. Für einen jungen Menschen ist es sicherlich besser, für einige Zeit harter Disziplin unterworfen zu sein und wenig zu verdienen, um dann den Rest seines Lebens als ein respektierter, selbstbewußter Handwerker zu verbringen, als direkt in eine Fabrik zu gehen, gleichgültig, wie attraktiv die Löhne dort sein mögen. Ich schließe hier auch viele andere Berufe in meine Ausführungen mit ein: Ein guter Arzt oder Zahnarzt ist ein Meister auf seinem Gebiet und sollte als ein solcher behandelt werden.
Die gegenseitige Abhängigkeit der Handwerker
Bei meinen Nachforschungen stieß ich mit Erstaunen auf die Isolation vieler Handwerker, die ich kennenlernte. Wenn ich mit den Älteren sprach - sie waren oft schon über achtzig Jahre alt und arbeiteten noch immer jeden Tag -, so gewann ich den Eindruck, daß sie in jüngeren Jahren nicht im geringsten isoliert waren. Früher scheint zwischen den Handwerkern auf dem Lande eine große gegenseitige Abhängigkeit geherrscht zu haben. Um sein Handwerk ausüben zu können, war jeder Handwerker auf andere Handwerker angewiesen.
Der Fischer beispielsweise war abhängig von dem Bauern, der Flachs für seine Netze anbaute, vom Netzknüpfer, der seine Netze machte, vom Korbflechter, der Reusen anfertigte, und vom Bootsbauer. Der Bootsbauer wiederum war angewiesen auf den Schmied, der Anker, Ketten und ein Dutzend anderer Dinge für Boote anfertigte, vom Holzfäller, der das zum Bootsbau benötigte Holz fällte, vom Sägewerker, der es zu Brettern sägte, vom Ölmüller, der Leinöl preßte, das das Holz schützt, von den Flachsspinnern und Webern, die das Leinen für das Segel herstellten, vom Segelmacher, der das Segel nähte, vom Seiler, der Seile liefern konnte - und so weiter.
All diese aufeinander angewiesenen Handwerker kannten sich wahrscheinlich. jeder konnte zu seinem Lieferanten gehen und mit ihm genau besprechen, was er brauchte. jeder von ihnen sah den Anfang und das Ende dessen, was er geschaffen hatte, und sicherlich dachte jeder an den eigenen Beitrag, wenn er den vom Fischer gefangenen Fisch verspeiste. Aber heutzutage sind solche Handwerker isoliert. Wegen des steigenden Interesses an handgefertigten Produkten leben sie ganz gut, aber isoliert.
Und was ist mit den wenigen jungen Menschen, die gern handwerklich arbeiten wollen? Sie stehen ebenfalls allein auf weiter Flur. Hunderte von bürokratischen Regeln und Vorschriften reglementieren einen jungen Menschen, der ein Handwerk lernen will. Die wenigen, die es schaffen, eines der alten Handwerke zu erlernen, profitieren sehr davon, denn handgefertigte Gegenstände werden von Jahr zu Jahr seltener und zugleich immer gefragter. Als ich eine Farm in der Nähe der Stadt Pembroke hatte, begann dort ein junger Mann als Hufschmied. Er macht in einem kleinen Lieferwagen mit transportabler Esse und Amboß die Runde und beschlägt Pferde. Als ich einmal überschlug, was er so verdienen müsse, war ich verblüfft über die Summe.
Andere junge Männer und Frauen schaffen es, sich ein Handwerk ohne Lehre anzueignen. Sie haben schlechtere Voraussetzungen, aber einige von ihnen sind so entschlossen, daß sie im Laufe der Zeit fast perfekt werden in ihrem Beruf. Diese Leute sind meistens sehr glücklich. (Sie haben aber beispielsweise erhebliche rechtliche Schwierigkeiten, in Deutschland legal ihr Handwerk auszuüben anders als in Großbritannien.) Ich glaube, daß immer mehr Menschen solche Wege wählen werden und daß die Welt dadurch wesentlich schöner werden wird. Ich glaube, daß sich immer mehr Handwerker auf dem Lande und in der Stadt behaupten werden, und daß im Laufe der Zeit so etwas wie die früher vorhandene, gegenseitige Abhängigkeit wieder entstehen wird.
Der Fortschritt
Der Traum von der hochindustriallsierten und technisierten Zivilisation verwandelte sich rasch in einen Alptraum. Für die Wissenschaftler mag es "Fortschritt" bedeuten, wenn sie immer ausgeklügeltere und kompliziertere Verfahren entwickeln, um Dinge herzustellen, von denen wir glauben, daß wir sie brauchen. Aber bedeutet es nicht die Hölle für jene Männer und Frauen, die an den langweiligen, seelenlosen Arbeitsplätzen stehen, wo sie Dinge herstellen, indem sie Zeiger beobachten und auf Knöpfe drücken? Und bedeutet es nicht die Hölle für jene steigende Zahl von Frauen und Männern, denen gesagt wird, sie seien "überflüssig"? Überflüssige Menschen? Die Massenproduktion hat von ihrer Konzeption her die Tendenz, ihre Arbeiter nur als einen Teil der Maschinerie zu sehen. Wie die Maschinen wird auch der Arbeiter nur ein Mittel zum Zweck. Nein, der Mensch ist kein Mittel; er ist der Zweck. Er ist auf dieser Erde der Zweck, zu dem alle menschlichen Produktionen nur das Mittel sein müssen.
Andere junge Männer und Frauen schaffen es, sich ein Handwerk ohne Lehre anzueignen. Sie haben schlechtere Voraussetzungen, aber einige von ihnen sind so entschlossen, daß sie im Laufe der Zeit fast perfekt werden in ihrem Beruf. Diese Leute sind meistens sehr glücklich. (Sie haben aber beispielsweise erhebliche rechtliche Schwierigkeiten, in Deutschland legal ihr Handwerk auszuüben anders als in Großbritannien.) Ich glaube, daß immer mehr Menschen solche Wege wählen werden und daß die Welt dadurch wesentlich schöner werden wird. Ich glaube, daß sich immer mehr Handwerker auf dem Lande und in der Stadt behaupten werden, und daß im Laufe der Zeit so etwas wie die früher vorhandene, gegenseitige Abhängigkeit wieder entstehen wird.
Der Fortschritt
Der Traum von der hochindustriallsierten und technisierten Zivilisation verwandelte sich rasch in einen Alptraum. Für die Wissenschaftler mag es "Fortschritt" bedeuten, wenn sie immer ausgeklügeltere und kompliziertere Verfahren entwickeln, um Dinge herzustellen, von denen wir glauben, daß wir sie brauchen. Aber bedeutet es nicht die Hölle für jene Männer und Frauen, die an den langweiligen, seelenlosen Arbeitsplätzen stehen, wo sie Dinge herstellen, indem sie Zeiger beobachten und auf Knöpfe drücken? Und bedeutet es nicht die Hölle für jene steigende Zahl von Frauen und Männern, denen gesagt wird, sie seien "überflüssig"? Überflüssige Menschen? Die Massenproduktion hat von ihrer Konzeption her die Tendenz, ihre Arbeiter nur als einen Teil der Maschinerie zu sehen. Wie die Maschinen wird auch der Arbeiter nur ein Mittel zum Zweck. Nein, der Mensch ist kein Mittel; er ist der Zweck. Er ist auf dieser Erde der Zweck, zu dem alle menschlichen Produktionen nur das Mittel sein müssen.
Ob die Menschheit einfach genug bekommt von der langweiligen, niedrigen Arbeit, bei der häßliche, überflüssige Produkte entstehen, oder ob die Beschränkungen, die uns die schwindenden Rohstoffvorräte unseres Planeten auferlegen, die Lemmingwanderung zur Klippenkante stoppt - wenn die Menschheit auf irgendeiner Stufe echter Zivilisation überleben wird, wird der Handwerker wieder triumphieren.
Das einzige vollkommene und glückliche Leben, das einem Mann oder einer Frau auf diesem Planeten möglich ist, ist ein Leben, in dem die Arbeit -ehrliche, wertvolle Arbeit - die größte Freude ist. Freizeit ja, aber Freizeit kann man nur genießen, wenn sie wirklich Freizeit, also freie Zeit von der Arbeit, ist. Ständige Untätigkeit die Untätigkeit der Arbeitslosen - ist keine Freizeit, sondern eine zerstörende, zersetzende Angelegenheit. Eric Gill, ein guter Handwerker, schrieb einmal: "Freizeit ist weltlich, Arbeit ist heilig. Das Objekt der Freizeit ist die Arbeit, das Objekt der Arbeit ist die Heiligkeit. Heiligkeit bedeutet Vollkommenheit." Dieses Buch wurde auf der Suche nach der Vollkommenheit geschrieben.